Asien 2014 – Vietnam

Das erste Mal seit fast 15 Jahren genehmigte ich mir einen ganzen Monat Urlaub am Stück. Eine Kombination aus Sightseeing und Erholung.
Die Route verlief über die Türkei – Thailand – Vietnam – Kambodscha – Thailand und zurück nach Georgien. Die zeitlich risikoreichste Etappe führte von Batumi über Istanbul nach Bangkok, und von dort gleich weiter nach Ho Chi Minh City, auch bekannt als Saigon. In Istanbul hatte ich knapp einundeinhalb Stunden zum Anschlussflug. Erfahrungsgemäß kommt es reichlich oft vor, dass sich der Abflug in Batumi verzögert. Aber dieses Mal lief alles pünktlich und stressfrei. Die nächste Hürde hatte ich in Bangkok selbst aufgebaut. Dort war noch weniger Zeit zum Transfer, weil ich mir drei Stunden zusätzlicher Wartezeit zum nächsten möglichen Abflug ersparen wollte. Bangkoks Flughafen ist obendrein wesentlich größer, und ich hatte zwar ein E-Ticket, aber noch keine Bordkarte für den Flug mit Vietnam Airlines. Aber auch dort lief alles reibungslos und Saigon war relativ schnell, trotz zweimaligen Umstiegs, nach etwa 15 Stunden erreicht.
Die Vorarbeit für das Vietnam – Visum hatte vorher schon eine Agentur in Deutschland geleistet, und ich hatte auch gleich deren Angebot für den Transfer vom Flughafen zum Hotel angenommen. Damit hält man sich die Invasion lästiger Taxigauner am Terminalausgang vom Hals und ist vor preislichen Überraschungen sicher. Außerdem empfinde ich es nicht als besondsers tolles Urlaubsabenteuer, wenn Taxifahrer nach der Angabe des Wunschzieles ahnungslos umherirren und unterwegs andere, meist noch ahnungslosere Kollegen, nach dem Weg fragen. Im Verlauf des Aufenthaltes stellte sich allerdings heraus, dass das in Saigon so nicht passiert wäre. Die Erteilung des Visums mit Hilfe des vorab zum Preis von 8 Euro erhaltenen „Einladungsschreibens“ lief dann recht zügig ab. In einer Viertelstunde, und nach Überreichung eines Passbildes und 45 US Dollar hatte ich das Visum im Pass. Damit marschierte ich dann zur Passkontrolle. Angesichts der nichtachtenden, emotionslosen und total unfreundlichen Abfertigung, kam mir in den Sinn, dass wir früher bei jeder Gelegenheit für Vietnam spenden mussten. Für die Anschaffung von friedensschaffenden Waffen, aber auch für Schulsachen. Der Beamte konnte vielleicht deshalb nur Lesen und Schreiben lernen, und verdankt den Posten in seiner Kontrollhütte somit diesem Umstand. Trotzdem, war kein erkennbares Zeichen von Dankbarkeit zu registrieren…

Der Fahrer wartete schon am Ausgang, und so fuhren wir dann in das Hotel „Golden Rose“. Unterwegs, beim Stopp am Geldautomat, wurde ich Millionär. Eine einfache Plastikkarte verschaffte mir den plötzlichen Reichtum vom zwei Millionen Dong, leider nur im Gegenwert von etwa 70 Euro. Das Hotel war relativ verkehrsgünstig gelegen und sehr ordentlich ausgestattet.

Kostenfreies WLAN inbegriffen. Internet gehört in allen asiatischen Ländern, in denen ich gewesen bin (auch hier in Georgien), zum Standard in Locations mit Publikumsverkehr, natürlich so gut wie fast überall ohne Identifizierung und Kosten.
Da muss kein Gastronom oder Hotelier befürchten, von dubiosen Abmahnfirmen mit strafbewehrten Unterlassungserklärungen wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen oder sonstiger Rechtsverstöße seiner Gäste zur Kasse gebeten zu werden. Wenn der Hotelier dem Gast einen Kugelschreiber ausleiht, mit dem dieser dann ein ungedeckten Scheck ausstellt, ist der Hotelier doch gegenüber dem geprellten Scheckempfänger auch nicht haftbar. Im Prinzip ist der Internetzugang nicht anders zu betrachten, als der Kugelschreiber. Das kann Justitia in Deutschland mit den verbundenen Augen offensichtlich nicht erkennen, und in der Folge muss ein bürokratischer Aufwand und Nachweis geführt werden, wer wann und mit welcher IP-Adresse welche Internetseite besucht hat.

Beim Einchecken ins Hotel wurde der Pass einbehalten. Das empfand ich schon etwas gewöhnungsbedürftig. Dass eine Kopie angefertigt wird, ist ja in vielen Ländern, einschließlich in Georgien, noch „normal“, wenn auch anrüchig. In Vietnam, wo Hammer und Sichel auf rotem Tuch die Staatssymbole sind, ist diese Sicherstellung noch gängige Praxis. Mit meinem Urlaub bin ich zeitgleich ins Tet – Fest, ết Nguyên Đán, dem wichtigsten Ereignis des Jahres in Vietnam, geraten. Das ist das Neujahrsfest nach dem Mondkalender und ist auch gleichzeitig der Beginn des Frühlings. In Thailand habe ich das ähnlich schon mehrfach erlebt, wo es als das Chinesische Neujahrsfest gefeiert wird. So ging ich erst einmal auch die Stadt erkunden, wenn man bei den Ausmaßen überhaupt auch nur Bruchteile sieht. Es gibt trotzdem überall und immer eine City oder Altstadt, Downtown oder sonstige Touristenanziehungspunkte, die man ziemlich schnell findet. So auch in Saigon, wo ich nach einer kurzem Weg auch gleich mittendrin war. Alles war festlich geschmückt und die Straßen voller Menschenmassen. Manche Reiseführer behaupten, es ist nichts los in dieser Zeit, weil alle ihre Verwandten besuchen oder Wallfahrten machen. Ich hatte eher den Eindruck, dass alle nach Saigon gekommen sind.

Wirtschaftlich wirkt sich das Fest schon teilweise schmerzlich aus. Auch in Saigon waren mindestens die Hälfte aller Geschäfte und Restaurants geschlossen und im gesamten produzierenden Gewerbe, dem Dienstleistungssektor und dem Baugewerbe drehen sich die Räder kaum, und wenn doch recht langsam. Ausländische Investoren bringen dafür wenig Verständnis auf, las ich dort in irgendeiner Zeitung.
Die geöffneten Restaurants und Geschäfte waren natürlich bestens besucht und die Besitzer hatten wohl die fröhlichsten Tage des Jahres in ihrem Umsatzjournal zu verzeichnen.

Gerade an solchen Feiertagen kommen die historischen und architektonischen Schönheiten besonders zur Geltung, und sind besonders besucht.

Sonntag besuchte ich das Kriegsopfermuseum, gleich in Sichtweite zum Hotel.
Dieses Land war Jahrzehnte von Kriegen und französischer Kolonialherrschaft heimgesucht, und diese Schreckenszeit endete dann zum Glück mit dem Ende des Vietnamkrieges 1975.

Die Amis waren die Letzten Eindringlinge und gaben alles!
Bomben, Minen, Napalm, Agent Orange, Folter, Massenmord…
An den ausgestellten Kriegsgeräten wie Panzern, Flugzeugen, Haubitzen waren auch Tafeln mit der unglaublichen Anzahl und Menge der eingesetzten Teile angebracht. Es muss ein Massengeschäft mit astronomischen Gewinnen für die Produzenten gewesen sein.
Es sind in diesem Museum erdrückende Bilder, Kriegsgeräte, Dokumentationen und Materialien ausgestellt, die so viel sinnloses Leiden belegen und eigentlich unvorstellbar sind. Noch heute sieht man auf den Straßen schrecklich entstellte und verstümmelte Menschen, die sich mit Betteln durchschlagen. Nachwirkungen von Napalm und Agent Orange oder Minenexplosionen.

Da war dann der anschließende Rundgang danach über ein Festgelände in einem riesigen Park das absolute Kontrastprogramm. Die Regionen des Landes hatten wundervolle Handwerksarbeiten aus natürlichen Materialien ausgestellt, und Blumen und Pflanzen zu Kunstwerken gestaltet.

Vietnam ist das Land der Uniformen und erinnert damit an die DDR Mentalität.
Dort hatte auch jeder mindestens irgendeine Uniform im Schrank. Armee, Polizei, Zoll, Bahnpolizei, Kampfgruppen der Arbeiterklasse, Zivilverteidiger, GST, Feuerwehr, Post, Reichsbahn, Wasserwerker, Busfahrer und bestimmt noch viel mehr.
In Vietnam gibt es bei den Parkwächtern für die zahlreichen Mopeds, davon alleine schon in Saigon über 7 Millionen zugelassene, gleich mehrere Modetrends und Zuschnitte für die Uniformen. Zuerst dachte ich, es wären alle Polizisten.
Vietnams Verkehr ist wie in vielen asiatischen Ländern von Mopeds dominiert. Sie sind ohne Zweifel lebensnotwendig für die Menschen, aber wohl auch eine Landplage. Alles ist auf Mopeds zugeschnitten. Es gibt grundsätzlich abgeschrägte Bordsteine, um besser auf die Gehwege und die anliegenden unzähligen Abstellflächen zu gelangen. Überall vor Fußwegen, sogar vor dem Zebrastreifen sind Gitter und Barrieren aufgebaut, um Mopeds abzuwehren. Für Europäer sind das ungeahnte Stolpermöglichkeiten, weil niemand mit solchen Hindernissen rechnet. Mittelstreifen auf den Straßen sind massiv und dicht, um zu verhindern, dass alle und überall drehen und wenden.
Es gibt an den Magistralen eigene Fahrbahnen für Zweiräder.
Und wer vermutet schon eine Kette an der Fußgängerampel am Zebrastreifen?

Das Geschäft mit den Mopedparkplätzen floriert ungemein und ist streng reglementiert. Parkwächter, natürlich in Uniform, gibt es proportional zur Anzahl der Mopeds. Kein Moped steht ohne angetackerten Parkschein irgendwo herum. Das Kontrollsystem über den Verbleib des Parkgeldes und der Parkscheine ist ausgeklügelt und wird gnadenlos durchgezogen.

Saigon hat nicht nur französisch geprägte Architektur zu bieten, sondern natürlich auch das asiatische Flair mit den typischen Märkten, Gerüchen, Hektik und auch normaler Unordnung.

Bisher war ich noch nicht mit Süßholz in Berührung gekommen. Eigentlich schade, denn der daraus mit eigens entwickelter Technik gepresste und gekühlte Saft ist eine schöne Erfrischung.

Montag unternahm ich dann eine erste Tagestour zum Cao Dai – Tempel und zu den Cu Chi – Tunnelanlagen mit dem Umweg über eine Art Reha – Einrichtung, in der kunstvolle Gegenstände per Handarbeit hergestellt werden. Angesichts des riesigen Angebots im angeschlossenen Verkaufsraum bin ich mir aber nicht unbedingt sicher, dass dort nicht auch chinesische Importe untergemischt sind.

Der Tempel war von umwerfender Schönheit, in einer Art, wie ich sie noch nicht gesehen habe. Der Mittagsgottesdienst erschien mir eher wie eine Art Parade mit führenden Armbindenträgerinnen und -Trägern, und vielleicht sollte man eher von Service sprechen. Besonders bei den Frauen fiel mir auf, dass die Truppe total überaltert war. Vielleicht verhalf ihnen der Glaube, dass sie überhaupt noch laufen konnten.

Die Tunnelanlagen von den Viet Minh ab 1948 gegraben, waren da schon etwas beklemmender.
200 Kilometer Tunnel! Das System reichte bis an den Mekong heran. Tunnel in drei Etagen mit der Infrastruktur einer Stadt. Eine Stadt unter der Erde. Mit gut getarnten Eingängen.


Und mit Abwehrtechnik vom Grausamsten.

Aber auch technische Raffinessen waren eingebaut. Ein Syphonsystem gegen das Einleiten von Giftgas und gut getarnte Entlüftungen.

Trotzdem war es heiß und stickig und eng. Die Tunnel wurden teilweise schon für Touristen aufgeweitet.

Es ist ein Wunder, wie Menschen dort über Jahre leben und ja auch arbeiten konnten, wie zum Beispiel in Waffenschmieden.

Dienstag wurde es dann wieder etwas freundlicher.
Um 8:00 Uhr wurde ich vom Hotel abgeholt. Zu einer Fahrt mit dem Speed Boot ins Mekong Delta.

Der erste Stopp war an einer kleinen, aber hübschen Tempelanlage.

Dann legten wir bei einer Familie an ihrem Haus an einem Flussarm an.

Danach wurde gleich noch einmal angelegt, um in ländlicher Umgebung eine Kokosnuss (im Reisepreis von 110 Dollar inbegriffen) serviert zu bekommen.

Weiter ging es.

Dann noch ein kleiner Abstecher über einen naturbelassenen Markt auf dem Weg zum Mittagessen.

Mittag gab es in einer Art Familienersatzlager für Kinder mittelloser Eltern. Das Essen war im Gegensatz zu den sonst bei Tagestouren angebotenen inklusiven Mahlzeiten, außergewöhnlich gut, reichlich und schmackhaft. Der Fisch war sozusagen die Attraktion und wirklich köstlich.

Danach besichtigten wir noch ein kleineres Exemplar von der Art des Cao Dai – Tempels.

Die Rückfahrt verlief dann wirklich mit Speed und ohne weitere Unterbrechung. Das Flussufer ist mit skurrilen Hütten bebaut. Wenn von zerstörten Häusern infolge von Hochwasser oder Überschwemmungen in den Nachrichten berichtet wird, dann sind damit oft diese Bauten gemeint. Man wundert sich, dass sie nicht schon bei normalem Wasserstand in den Fluten versinken. Wobei sie aber weich fallen, denn seit dem Erstbezug wird der Müll kontinuierlich unter das Haus gekippt und wächst immer höher. Mit erhöhtem Wasserstand wird dann hin- und wieder etwas davon „abgefahren“. Diesen Fluss zu bereinigen und zu entgiften wird, falls sie jemals in Angriff genommen wird, wohl eine Jahrhundertaufgabe sein.

Es war ein schöner Tag, wenn auch nicht gerade ein Schnäppchen.

Auf dem Weg vom Fluss wurde mir am helllichten Tag und auf offener Straße beinahe mein Handy geklaut. Ich stehe auf dem Gehweg und suche in Navigationssystem nach Orientierung, als ich plötzlich merke, wie jemand das Handy berührt. Ein Mopedfahrer auf dem Gehweg ist ja insofern nichts Besonderes, aber dieser versuchte mein Telefon während der Fahrt zu greifen. Er war zum Glück nicht so treffsicher, so dass das Manöver misslang. Später las ich dann auch Warnungen vor solchen Vorfällen irgendwo in Reiseberichten.
Auf jeden Fall war es eine unentgeltliche Verwarnung.

Mittwoch war dann der Flug nach Kambodscha, nach Siem Reap gebucht. Ich fuhr mit einem Taxi zum Flugplatz. Taxi gehören zu den wenigen Autos in Vietnam. Das Straßenbild wird von Mopeds geprägt. Die Taxis in Saigon könnten Vorbildwirkung für viele Städte haben. Sauber und ordentlich, optisch neuwertig, äußerlich schon mit allen nötigen Informationen einschließlich bebildertem Tarifhinweis, sofort und für jeden Touristen verständlich, versehen. Die Taxifahrer ebenfalls in einer Art Uniform ansprechend gekleidet, wirken vertrauenerweckend.

Das Taximeter ist keine Dekoration, sondern schaltet sich automatisch ein. Es erfolgt eine zweisprachige Ansage, in der noch einmal der Tarif erklärt wird und das man bitte nur bezahlen möchte, was angezeigt wird. Und das war im Verhältnis zu Deutschland so gut wie nichts. Und das Bisschen kann man selbstverständlich mit der Kreditkarte bezahlen. Ich bin mehrfach mit dem Taxi gefahren und jeder Fahrer kannte auf Anhieb das angegebene Ziel. So stelle ich mir in meinen kühnsten Träumen den georgischen Taxiservice vor.

Der Flug mit nach Siem Reap, dem Ausgangspunkt für die Angkor Wat Tempel war kurz. Eine knappe Stunde.

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3 Responses to Asien 2014 – Vietnam

  1. Jörg Schaden says:

    Hallo Ulli,
    toller Bericht und tolle Fotos. Besonders das von Deiner Reisebegleiterin mit dem 150-PS-Motor. Super.

    Alles Gute.
    Jörg

  2. Thomas + Margitta says:

    Hallo Ullrich,
    schließen uns der Einschätzung von Jörg voll an !!! Über Deine Reisebegleiterin hättest Du ruhig etwas mehr schreiben können…….
    Wir nehmen Informationen auch vertraulich entgegen.

    Beste Grüße von Thomas + Margitta

    • Hans-Ulrich Trosien says:

      Hier die öffentliche Version über die Begleitungsumstände: Die ins Visier geratene nette Dame ist eine pensionierte Lehrerin aus den Vereinigten Staaten von Obama. Zu den weiteren Teilnehmern des Ausfluges gehörte deren Ehegatte, ein ebenfalls pensionierter ehemaliger hoher Beamter der US-Straßenbehörden. Des Weiteren ein freundliches Ehepaar aus Alaska und noch ein sehr interessantes Pärchen, er Amerikaner und Generalmanager eines internationalen Hotels in Saigon und seine, ja, Begleiterin. Ich war der Gewichtsausgleich.

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